Einen interessanten Zusammenhang zwischen dem Calvinismus und der holländischen Tomate stellt die Oldenburger Sozialwissenschaftlerin Anabella Weismann heraus. Ihr Beitrag erschien in dem von den Politikwissenschaftlern Gebhard Moldenhauer (Universität Oldenburg) und Jans Vis (Universität Groningen) in deutscher und niederländischer Sprache herausgegebenem Werk "Die Niederlande und Deutschland – Einander kennen und verstehen". Durch dieses Buch sollen Deutschland den Niederländern und die Niederlande den Deutschen erklärt werden, wie hier am Beispiel der holländischen Tomate. Es muss nämlich eine Erklärung dafür geben, dass die calvinistisch geprägten Niederländer nur 4,2 kg Tomaten pro Person und Jahr verbrauchen, die eher lutherisch geprägten Deutschen dagegen mit 8,8 kg mehr als das Doppelte.
Weismann charakterisiert die Tomate als "prall, rund, sinnlich,
glänzend, fleckenlos, strahlend rot, ist die holländische Tomate
eine bleibende Erinnerung an das verlorene Paradies. … Sie bleibt Erinnerung an und Verlockung
zu ungehemmten Sinnenfreuden, Erinnerung an ein Utopia ohne Arbeit und
ohne moralische Beschränkungen. Und dann der plötzliche Wechsel
von der Augenlust zur Realisierung der Begehrlichkeit im Biss hinein –
der fade, wässrige, papp-styroporartige Geschmack erinnert unmittelbar
an das calvinistische Zweite Gebot, das Bilderverbot, das für Luther
so unwichtig war, dass er es unter das erste subsumierte: ‘Du sollst
Dir kein Bildnis noch Gleichnis machen…’, du sollst dir nicht in
deiner Phantasie eine glückliche, lustbetonte, freudvolle Welt ohne
Sorgen und Schufterei ausmalen. Du sollst nicht genießen, Genuss
ist Wollust, Wollust ist Sünde, Kreaturverherrlichung, Abgötterei: ‘Bete sie nicht an und diene ihnen nicht…’ Deshalb wird in
den calvinistisch geprägten Niederlanden die Tomate nicht als Objekt
des Genusses, sondern als Handelsobjekt gezüchtet." (Quelle: Uni-Info 5/2001, http://www.presse.uni-oldenburg.de/uni-info/2001/5/thema.htm)
Ausgehend von dieser Deutung des Verhältnisses der Niederländer zu "ihrer" Tomate stellt Weismann einen Bezug zur calvinistischen Prädestinationslehre her: Der Biss in die Tomate mach dem Calvinisten schmerzhaft den Sündenfall und die daraus folgende Unterscheidung von Auserwählten und Verdammten bewusst. Eine Strategie zur Bewältigung der damit verbundenen Angst und Unsicherheit ist deren arbeitstherapeutische Verdrängung – "Ackern für Deutschland"!
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